„Baden-Württemberg muss seine Offenheit bewahren“

BNN 17.05.2019

Ministerialdirektor Uwe Lahl über das Pilotprojekt „eWayBW“: Beginn ein Jahr später, Zusage zu Baustellen erneuert

BNN-Interview

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Foto: IN HÖHE OTTENAU werden beim Pilotprojekt „eWayBW“ die Oberleitungsmasten nur bergseitig der B462 gesetzt und überspannen dann die Fahrbahn. Das gesamte Vorhaben verzögert sich um ein Jahr. Simulation: Verkehrsministerium Baden-Württemberg

Das Verkehrsministerium Stuttgart geht zu dem geplanten Testversuch „eWayBW“ in die Offensive. Den „Stecker zu ziehen“, wie es die CDU-Ortsverbände Gernsbach und Gaggenau vorgeschlagen haben, kommt für die Planer nicht infrage. Nach dem Rückschlag durch die gescheiterte Ausschreibung für die vorbereitenden Arbeiten auf der B462, die wie berichtet ohne jede Resonanz blieb, spricht man im Ministerium von einem zeitlichen Verzug von einem Jahr. Denn man wolle Wort halten und die Hauptarbeiten in den Sommerferien erledigen – nunmehr erst im Sommer 2020 statt in diesem Jahr. Im Interview mit BNN-Redakteur Thomas Dorscheid setzt Ministerialdirektor Uwe Lahl (68, parteilos) auf eine größtmögliche Offenheit, ein solches Projekt zuzulassen – und hält an seinem Wettangebot fest, wonach die Kommunalpolitik im Murgtal nach dem Testversuch das Projekt weiterführen wolle. Ministerialdirektor Lahl, promovierter Chemiker und seit 2008 auch außerplanmäßiger Professor an der Technischen Universität Darmstadt, gehört zur Hausspitze des Ministeriums für Verkehr in Stuttgart.

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VOM OBERLEITUNGS-PROJEKT für Lkw zeigt sich Uwe Lahl vom Verkehrsministerium Stuttgart überzeugt. Foto: Roettgers

Die Ausschreibung für den Stromleitungsbau blieb ohne Angebot. Wie gehen Sie jetzt vor?

Lahl: Wir haben die Genehmigung, eine Oberleitung zu bauen, vorbereitende Maßnahmen laufen bereits. Was uns fehlt, ist der Auftragnehmer. Wir müssen erkennen, dass für diese Oberleitungs-Projekte momentan auf der Anbieterseite noch kein richtiger Markt vorhanden ist. Wir starten deshalb jetzt in das Verhandlungsverfahren, das auch bei den beiden anderen Oberleitungsprojekten (zwei Autobahnabschnitte in Hessen und Schleswig-Holstein, Anmerkung der Redaktion) mit dem einzigen am Markt aktiven Teilnehmer angewandt worden ist. Wir haben bereits gute Signale, dass am Ende auch ein gutes Ergebnis steht. Bis zum Herbst sollen die Verhandlungen abgeschlossen sein.

Von welcher zeitlichen Verzögerung muss man Stand heute ausgehen und wie lautet der aktualisierte Zeitplan zu den drei Etappen sichtbarer Baubeginn, Testphase und Beginn des dreijährigen Regelbetriebs?

Lahl: Wir verlieren ein Jahr, was den sichtbaren Bau der Oberleitungen betrifft. Statt Sommerferien 2019 gehen wir in die Sommerferien 2020. Ende 2020 wollen wir mit der Testphase die ersten Lkw auf die Straße bringen, der dreijährige Realbetrieb beginnt dann Anfang 2021.

Die CDU Gernsbach möchte dem ganzen Projekt, um im Bild zu bleiben, am liebsten „gleich den Stecker ziehen“. Die CDU Gaggenau hat sich dem angeschlossen. Wie lautet Ihre Antwort?

Lahl: Das ist eine politische Äußerung, die örtliche CDU entscheidet das aber nicht. Wenn das CDU-geführte Wirtschaftsministerium das Projekt an Land gezogen hätte, wären die Reaktionen sicherlich anders. Aber was mich mit Sorge erfüllt, sind nicht kritische Einzelstimmen – vielmehr reihen sich diese ein in eine Innovationsfeindlichkeit, die letztlich dazu beiträgt, dass wir gegenüber dem Ausland ins Hintertreffen geraten. Baden-Württemberg als das Land der Tüftler und Erfinder muss aber seine Offenheit bewahren. Auch an den beiden Oberleitungsprojekten in Hessen und Schleswig-Holstein hat es diese kommunalpolitischen Bedenken vor Ort gegeben. Meine Kernbotschaft lautet: Man darf nicht immer nur die Bedenkenträgerfunktion haben, sonst sind wir irgendwann abgehängt – dann fahren die Oberleitungs-Lkw in China oder Frankreich, und wir produzieren Webstühle.

Es gibt generell hier im Murgtal nach wie vor skeptische Stimmen, die sagen, die B462 zwischen Kuppenheim und Gernsbach sei nicht der richtige Ort für den Pilotversuch. Was sagen Sie denen?

Lahl: Wir haben immer gesagt und bei Bürgerversammlungen ganz früh darüber informiert, dass die B462 für dieses Pilotprojekt geeignet ist. Erstens haben wir hier Marktteilnehmer, sprich Spediteure, die in großem Umfang Warenströme über die Strecke führen. Wir haben also eine reale Situation, welche die Lastwagen in hohem Maße fordert. Zweitens brauchen wir für den Versuch nicht noch eine dritte Autobahn in Deutschland, wir haben schon zwei Autobahnabschnitte. Sicher ist eine kurvige Bundesstraße wie im Murgtal eine große Herausforderung, aber wenn die Technik käme, dann würde sie ja nicht nur auf Autobahnen stattfinden, sondern sie müsste auch auf Bundesstraßen möglich sein. Und in diesem Punkt ist Baden-Württemberg, wo die Bundesstraßen ja eine hohe Bedeutung haben, geradezu prädestiniert.

Insbesondere mit der Stadt Gaggenau war die Kompromissfindung zu „eWayBW“ mühsam. Aus Gaggenauer Sicht war die Angst vor einem Verkehrskollaps auf der B462 vorrangig, weil in der Vergangenheit die vom Regierungspräsidium gemanagten Baustellen bei Gaggenau zu Beginn, um es vorsichtig auszudrücken, holprig waren. Wie lange dauern die Bauarbeiten und können Sie zusagen, dass diesmal das Management besser wird?

Lahl: Ja, das können wir. Wir verlieren ein Jahr, aber nur deshalb, weil wir Wort damit halten, dass erhebliche Eingriffe in den Verkehr zum Großteil in den Ferienzeiten stattfinden, also dann, wenn der Verkehr geringer ist. Aber man darf die Vorteile für das Murgtal nicht übersehen: Die Oberleitungs-Lastwagen sind deutlich leiser, wir werden über drei Jahre eine reduzierte Lärmbelästigung haben. Ich halte meine Wette aufrecht, die ich in einer Gaggenauer Bürgerversammlung angeboten habe: Am Ende der drei Jahre werden Kommunalpolitiker auf uns zukommen mit der Bitte, den Versuch fortzusetzen, weil es viel leiser ist als früher. Zur Bauzeit insgesamt kann man erst am Ende des Verhandlungsverfahrens eine belastbare Planung vorlegen; dann wird auch der von uns angekündigte Projektbegleitkreis einberufen und es ist eine große Info-Veranstaltung geplant. Nach den Erfahrungen anderswo ist von einer Gesamtbauzeit von fünf Monaten auszugehen. Das Land steht zu seinen Zusagen, auch zu denen mit der Stadt Gaggenau. Wir brauchen die Sommerferien, weil wir dann sechs Wochen am Stück konzentriert arbeiten können. Aber wir müssen auch sehen: Wir werden im Murgtal ein Projekt mit weltweiter Beachtung haben, mit der Perspektive, Klimaschutz und Gewerbegütertransport gemeinsam hinzubekommen – deshalb sollte eine gewisse Beeinträchtigung akzeptiert werden.

Begrüßen Sie den Konzeptwettbewerb, den Daimler angekündigt hat? Der Konzern will etwa zeitgleich zu „eWayBW“ seinen vollelektrischen Lkw „eActros“ in der Region in den Praxistest schicken.

Lahl: Der eActros ist viel zu klein und für die Gewichte, die auf der Strecke im Murgtal transportiert werden, nicht geeignet. Trotzdem ist er für innerstädtische und Kurzstreckenverkehre sinnvoll. Für den geplanten Technologievergleich muss Daimler einen richtigen Sattelzug-Lkw entwickeln, der dann auf dieser Strecke fahren und die gleiche Logistikkette wie die Oberleitungs-Lkw bedienen wird. Da sind wir gespannt. Das Problem bei Batteriefahrzeugen ist doch: Wie bekomme ich große Gewichte etwa von München nach Hamburg, dafür ist einfach die Batterie noch zu schwer. Aber auch da kann es noch eine spannende Entwicklung geben.

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