"Die Zukunft der individuellen Mobilität" liegt im Wasserstoff

BT 24.05.2019

Beim Vortrag im Protektorwerk Florenz Maisch zeigt KIT-Professor Albert Albers den "Unsinn" deutscher Energiepolitik auf

Von Thomas Senger

Gaggenau - Zu einem "ideologiefreien" Abend begrüßte Konrad Walter am Mittwoch rund 150 Gäste im Protektorwerk Florenz Maisch in Gaggenau. Gastgeber war die Sektion Baden-Baden/Rastatt des Wirtschaftsrats der CDU. "Auch ich gehe lieber zu einem funktionierenden Unternehmen", dankte Walter den Besuchern. Schließlich hätten sie ja dem in Gaggenau gleichzeitig stattfindenden Wahlkampfauftritt von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen beiwohnen können. Launig nutzte Hausherr Dr. Christof Maisch die Gelegenheit, den Besuchern das Traditions- und Familienunternehmen im Schnelldurchlauf vorzustellen. "Weltweit die Nummer eins" sei man im Segment der Bauprofile.

Als Referent sprach Professor Dr. Albert Albers, Leiter des Instituts für Produktentwicklung am Karlsruher Institut für Technologie, über "New Mobility: Die Zukunft der individuellen Mobilität". Weltweit Nummer eins - ein Anspruch, der auch für die Automobilindustrie Deutschlands gilt, aber, so machte Albers gleich zu Beginn seines Vortrags deutlich: "Wir verspielen im Moment unsere Zukunft, wenn wir nicht aufpassen."

Jeder fünfte Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hänge am Automobilbau. Dieser Fakt sei ebenso zu berücksichtigen wie sein Credo, dass die uneingeschränkte Mobilität des Einzelnen nicht beschnitten werden dürfe. "Individuelle Mobilität korreliert mit dem Freiwerden des Bürgers", schlug Albers den Bogen zu den Geisteswissenschaften. Sprich: Nicht zuletzt in Deutschland müsse man aufpassen, dass individuelle Mobilität nicht wieder so teuer werde, dass sie erneut nur Luxus der reichen Eliten sei. Zwar werde es "auch morgen noch" im Getriebebau in Gaggenau Arbeit geben, aber, so mahnte er mit Blick auf die Verteufelung der Diesel-Technologie in Deutschland: "Wir geben ein ganz tolles Stück Technologie freiwillig auf." Andere Automobilbau-Nationen würden sich darüber freuen. Warum wohl werde von China die Elektromobilität so stark forciert? Weil das Land dabei eine führende Rolle spiele, verwies er auf das geopolitisch-strategische Denken im Reich der Mitte. "Bezogen auf CO2 ist der Diesel die optimale Lösung", gab Albers zu bedenken - weil ein Dieselmotor eben sparsamer ist als ein Benzinmotor.

Ein wesentliches Kriterium bei der Wettbewerbs- und damit der Zukunftsfähigkeit eines Industriestandorts sei die Fähigkeit zur Innovation. Wobei, wie Albers anmerkte, Innovation "nicht etwas Neues, sondern etwas erfolgreiches Neues" sei. Als Beispiel nannte er G8, also die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien von neun auf acht Jahre. Dies sei "als Innovation verkauft worden", diese Erwartung habe sich aber nicht erfüllt.

Anhand zahlreicher Schautafeln erläuterte Albers den "Unsinn", den eine ideologisierte Umwelt- und Verkehrspolitik hervorbringe. So sei es "Unsinn", batteriebetriebene Fahrzeuge mit einer Reichweite von mehr als 150 Kilometern forcieren zu wollen. Insbesondere deshalb, weil man dafür in jedem Auto eine 800 Kilogramm schwere Batterie durch die Gegend fahre. Und nicht zuletzt: Abertausende Ladestationen alleine an den Autobahnen würde man brauchen, falls es zu einer breiten Einführung von batteriebetrieben Fahrzeugen kommen würde.

Ein "Narrenstück" werde wohl ab 2020 auch im Murgtal gegeben mit dem Pilotprojekt eWayBW, der elektrifizierten Bundesstraße für bestimmte Lkw. Allein schon die internationale Vernetzung des Güterverkehrs sei ein Grund, dass dieses Vorhaben kein taugliches Modell für Innovation im Güterverkehr sein könne.

Man müsse darüber hinaus hinterfragen, welchen Sinn es habe, ausgerechnet in einem kleinen Land wie Deutschland die CO2-Emissionen drastisch reduzieren zu wollen, wenn allein China bereits für 30 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich sei. Das CO2-Problem könne nur global gesehen werden.

Albers räumte ein, dass der künftige Energiemix "weg vom Öl" müsse, denn Öl sei als Rückgrat der chemischen Industrie viel zu schade zum Verbrennen. "Ganzheitlich systemisch" allerdings habe ein Elektroantrieb keinen höheren Wirkungsgrad als ein Verbrennungsmotor. Zur kurzfristigen Verbesserung der CO2-Bilanz sei eine Zumischung von Biokraftstoffen sinnvoll.

Ja, und was ist nun die Zukunft der individuellen Mobilität? "Die Zukunft unserer Energieversorgung ist der Wasserstoff, erzählen Sie das überall weiter", bilanzierte Albers. Das könne auch eine Vision für die deutsche Politik sein. Ob dies eintrete, sei allerdings sehr fraglich. "Aber in Japan passiert es."

Badisches Tagblatt