Inklusion ist mangelhaft bis ungenügend

BNN 11.09.2019

Ortsvorsteherin von Oberweier kritisiert Zustand in Gaggenau / Ihre Amtszeit endet am Montag

BNN-Interview

Gaggenau. Für die 68-jährige Rosalinde Balzer endet am Montag, 16. September, ihre 20-jährige Tätigkeit als Ortsvorsteherin von Oberweier. Am Donnerstag, 26. September, wird sie durch Oberbürgermeister Christof Florus offiziell von ihrem Amt verabschiedet. Balzer, die seit dem Jahre 1994 im Ortschaftsrat Oberweier sitzt, gehört dem Gremium sowie dem Gaggenauer Stadtrat auch in den kommenden fünf Jahren an. Über ihre 20-jährige Tätigkeit als Ortsvorsteherin sprach sie mit BNN-Mitarbeiter Joachim Kocher.

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Zwanzig Jahre lang hat sich Rosaline Balzer als Ortsvorsteherin von Oberweier engagiert. Nun übergibt sie das Amt in jüngere Hände. Foto: Kocher

Was war ihr größtes Erlebnis während ihrer Tätigkeit als Ortsvorsteherin?

Balzer: Die 900-Jahr-Feier von Oberweier im Jahre 2002. Die Veranstaltung war gigantisch. Zu den besonderen Erlebnissen gehören für mich aber auch der Bau der Festplatzüberdachung im Jahre 2000 und die feierliche Übergabe durch den damaligen Oberbürgermeister Michael Schulz. Für mich war der Bau der Festplatzüberdachung ein Beweis dafür, dass die Dorfgemeinschaft zusammenhält und intakt war.

Was war ihre größte Enttäuschung?

Balzer: Dass das Genossenschaftsmodell für ein Lebensmittelgeschäft nicht zustande kam, obwohl der Ortschaftsrat mehrheitlich das Leiberstunger Modell favorisiert hatte. Meine größte persönliche Enttäuschung erlebte ich vor fünf Jahren, als während meiner schweren Erkrankung die Wahl des Ortsvorstehers auf die Tagesordnung kommen sollte. Oberbürgermeister Christof Florus lehnte dies jedoch ab und so wurden die Wahlen bis ich genesen war verschoben.

Hat sich Oberweier in den vergangenen zwei Jahrzehnten nach ihren Vorstellungen entwickelt?

Balzer: Im Prinzip ja, aber dennoch sind einige Dinge auf der Strecke geblieben. So haben wir kein Lebensmittelgeschäft und auch keine Gastronomie mehr. Dies ist schon enttäuschend. Hinsichtlich der Baugebiete hat sich einiges getan, jedoch steht der Bereich „Mergelacker“ nach wir vor aus.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Stadt?

Balzer: Die Zusammenarbeit war überwiegend gut. Manchmal war es jedoch auch anstrengend, etwas durchzusetzen. Wichtig für mich war, die Geduld nicht zu verlieren und hartnäckig zu bleiben.

Was war letztendlich der Grund dafür, dass sie nach 20 Jahren als Ortsvorsteherin aufhören?

Balzer: Ausschlaggebend sind keine gesundheitlichen Gründe. Ich bin zwar körperlich eingeschränkt, geistig aber nach meiner Meinung noch fit. Es ist schon recht seltsam in unserer Gesellschaft, dass man bei Personen, die nicht gerade laufen können, sofort andere Behinderungen assoziiert und mit mitleidigen Äußerungen die Betroffenen nervt. Ich höre jetzt als Ortsvorsteherin auf, da es nach meiner Meinung Zeit ist, das Amt in jüngere Hände abzugeben.

Würden sie nochmals über einen solch langen Zeitraum, das Amt der Ortsvorsteherin ausüben?

Balzer: Hier kann ich mit einem deutlichen Ja antworten. Das eine oder andere Thema würde ich vielleicht anders angehen. Für mich war es jedoch eine interessante und spannende Zeit.

Apropos Inklusion, was für eine Note geben sie der Stadt in diesem Bereich?

Balzer: Mangelhaft bis ungenügend!

Was sind die Gründe für diese schlechte Bewertung?

Balzer: Ich erinnere nur an die Behindertenparkplätze in der Hauptstraße, Ecke Bahnhofstraße. Eigentlich ist es ein Wunder, dass hier noch nichts passiert ist. Betroffene stehen hier beim Aussteigen direkt auf der Straße. Außerdem können die Behindertenparkplätze in der Tiefgarage nur genutzt werden, wenn das City-Kaufhaus geöffnet hat, denn der notwendige Fahrstuhl endet dort. Auch in den Ortsteilen muss sich die Stadt des Themas Inklusion annehmen. Inklusion bedeutet nicht nur, dass ein Kind im Kindergarten oder der Schule aufgenommen und unterrichtet wird. Inklusion bedeutet mehr.

Ist das Thema Inklusion für viele nur ein Lippenbekenntnis?

Balzer: Dies könnte man fast meinen, wenn man sich an die Diskussion im Gemeinderat um die zweite Rampe im Bereich Jahnhallen-Foyer erinnert. „Wir sind entsetzt, wie weit man in Gaggenau vom Inklusionsthema entfernt ist“, habe ich hierzu von einigen Bürgern zu hören bekommen.

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